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Kultur    Märchen Westafrika







Der Jäger, der seine Frauen ungleich behandelte

(Guinea)

Es war einmal ein Jäger, der war zu seiner Zeit und in seinem Land der berühmteste aller Jäger, denn er hatte nie auf Kosten der kleinen und schwachen Tiere gejagt, und er verstand es, im Wald immer auf grosse und starke Opfer zu stossen. Deshalb kannten ihn auch alle Tiere des Waldes.

In seinem Haus lebte er mit zwei Hunden, die er Kitimiri und Duramani nannte; und er hatte zwei Frauen, aber die erste Frau war seine Lieblingsfrau. Die zweite fühlte sich zu wenig geliebt und unrecht behandelt. Deshalb war sie selten zu Hause.

Eines Tages wollte die zweite Frau ihm eine Lektion erteilen. Sie hatte Böses im Sinn, denn sie ging in den Wald und verbündete sich mit den grössten Tieren: mit den Panthern, Löwen, Tigern, Wölfen und Elefanten.

Danach täuschte sie ihren Mann, indem sie vorgab, seine beiden Hunde seien krank. In Wirklichkeit hatte sie die Tiere zwei Tage lang ohne Futter eingesperrt. Der Jäger glaubte, dass seine Hunde krank seien. Und er liess sein Gewehr zu Hause, als er sich zu einem Ausflug in den Wald begab.

Entgegen seiner Gewohnheit blieb er immer auf dem Waldweg, denn er wollte möglichst keinem wilden Tier begegnen. Nach zwei Stunden kletterte er auf einen Baum, machte es sich auf einem grossen Ast gemütlich und fing an zu singen. Das hörte ein Tiger, der sich ganz unbemerkt heranschlich. Als er gesehen hatte, dass es der Jäger war, mit dessen zweiter Frau sich die wilden Tiere verbündet hatten, eilte er zu seinen Tigerkollegen, um sie zu informieren. Unterwegs traf er zuerst den Panther und dann den Wolf. Sobald der Wolf von dem Jäger gehört hatte, rief er mit seiner scharfen Stimme in den Wald hinein nach den Tieren. Zehn Minuten später waren alle Tiere, mit denen sich die Frau verbündet hatte, versammelt.

Unter dem Kommando des Tigers rückten sie gegen den Jäger vor, der immer noch auf dem Baum sass. Als der Jäger das erste Tier erblickte, war es für ihn zu spät, um zu fliehen. Da er keine Waffe und auch seine Jagdhunde nicht dabei hatte, blieb ihm nur seine Stimme, um Hilfe zu rufen. Er rief seine beiden Hunde mit einem Gesang, der so klang:

"Kitimiri, yo! Duramani, yo! "Kitimiri, yo! Duramani yo! Die wilden Tiere töten mich, Durumani, yo! Die Tiger töten mich, Durumani, yo! Die Löwen töten mich, Duramani y! Kitimiri! Durumani! Yo, yo! Durumani!"

Sein Rufen wurde von den Affen gehört, die sogleich loseilten, um die wilden Tieren zu unterstützen, denn die Affen können besonders gut klettern.

Der Ort des Geschehens war sieben Kilometer vom Dorf entfernt. Als die Hunde die rufende Stimme ihres Herrn hörten, waren sie in ihrer Hütte eingesperrt, und es war niemand da, der sie hätte befreien können.

Inzwischen hatten sich die wilden Tiere unter dem Baum versammelt. Die einen kletterten am Baum in die Höhe, die anderen machten sich über die Wurzeln des Baumes her, um ihn zu fällen. Mit ihren scharfen Zähnen war es ihnen schon bald gelungen, die äusseren Wurzeln zu durchtrennen. Dann kam die Hauptwurzel an die Reihe.

Immer noch waren die Hunde des Jägers in der Hütte gefangen. Doch die Lieblingsfrau des Jägers kam gerade nach Hause und hörte das Bellen der Hunde. Als sie sah, dass ihr Mann nicht zu Hause war, verstand sie sofort, dass die Hunde ihrem Mann zu Hilfe eilen wollten. Sie öffnete ihnen das Tor und liess sie hinaus. Obwohl sie vom Hunger geschwächt waren, rasten sie so schnell sie konnten den bekannten Waldweg entlang, um ihrem Herrn zu helfen. Sie kamen gerade rechtzeitig bei ihrem Herrn an, denn es fehlte nur noch wenig, und der Baum wäre gefällt worden.

Wütend stürzten sie sich auf die bösen Tiere und bissen, was sie zu fassen kriegten. Unter lautem Bellen verjagten sie die grossen Tiere, den Tiger, den Elefanten und den Panther, bis sie endlich ihren Herrn befreit hatten.

Der Jäger kam vom Baum herunter, dankte seinen treuen Hunden für die Errettung vor dem Tode und ging mit ihnen zum Dorf zurück. Dort erklärte er seiner Familie, was ihm im Walde widerfahren war.

Die zweite Frau sagte daraufhin: "Es hat noch gar nicht angefangen mit den Angriffen gegen dich! Solange Du mich in Deinem Hause nicht genügend anerkennst und gleichberechtigt behandelst, wirst du von allen Tieren bedroht bleiben!"

Da verstand der Jäger, dass jeder Mensch frei ist, sein Recht zu verteidigen. Von diesem Tage an behandelte er seine beiden Frauen gleich.


Quelle: www.hekaya.de



Warum man nicht lügen soll

(Nigeria, Ibo)

Vor langer Zeit lebte einmal ein Schäfer, der hatte eine riesige Schafherde. Fast jeden Tag wurden einige Lämmer geboren, und so wusste er bald nicht mehr, wie viele Tiere er besass. Dieser Schäfer war ständig zu lustigen Streichen aufgelegt. So kam es, dass er bald im ganzen Land als fröhlicher Spassvogel bekannt war. Obwohl er nur selten mit Menschen zusammenkam, wusste er doch immer die neuesten Ereignisse.

Als er eines Tages seine Schafe vor den Toren der Hauptstadt weidete, kam ihm plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er dachte, wie wäre es, wenn ich die trägen Bewohner der Hauptstadt einmal richtig in Angst und Schrecken versetzte. Er trieb deshalb seine Herde ganz nahe an die Stadtmauer heran und rief plötzlich um Hilfe.

"Ein Löwe will mich fressen! Helft mir aus meiner Not!"

Als die am Stadttor wachenden Königssoldaten die Hilferufe des Schäfers hörten, schlugen sie mit ihren grossen Trommeln Alarm. Schon nach kurzer Zeit tauchten aus allen Stadttoren bis an die Zähne bewaffnete Männer auf, die glaubten, einen feindlichen Angriff auf ihre Vaterstadt abwehren zu müssen. Als sie zu ihrem Ärger jedoch auf der Hochebene vor der Stadt keinen einzigen feindlichen Krieger entdecken konnten, entstand bald ein heilloses Durcheinander. In das erregte Schreien der Stadtbewohner mischte sich das ängstlichen Blöken der auseinanderstiebenden Schafe. Die Männer der Hauptstadt waren über den üblichen Streich des Schäfers so zornig, dass sie beschlossen, ihn dem König vorzuführen.

Einige besonders wütenden jungen Männer fesselten den sich heftig wehrenden Spassvogel und schleppten ihn zum Königspalast, wo er sogleich dem Herrscher vorgeführt wurde. Nachdem sich die Diener auf einen Wink ihres Herrn zurückgezogen hatten, sprach der König zu dem mit dicken Stricken gebundenen Schäfer: "Ich habe gehört, dass du unsere Hauptstadt zum Narren halten wolltest. Für deine schändliche Tat müsste ich dich für einige Tage ins Gefängnis werfen."

"Habt Gnade mit Eurem untertänigsten Diener", jammerte der Spassvogel, "ich wollte die Bewohner der Stadt gar nicht ängstigen! Ich wollte nur wissen, ob die beiden am Haupttor wachenden Krieger wieder einmal schlafen, anstatt nach Feinden Ausschau zu halten. Dass die beiden dummen Kerle gleich Alarm geschlagen haben, ohne nachzusehen, ob überhaupt Gefahr droht, kann mir gerechtigerweise nicht zum Vorwurf gemacht werden."

"Wenn du wirklich nur die beiden Schlafmützen am Haupttor aufwecken wolltest, dann will ich dich aus deinen Fesseln befreien lassen", sprach der König und rief seine Diener herbei. Als der Schäfer sich wieder frei bewegen konnte, dankte er seinem Herrn für seine Grossmut und verliess vergnügt den königlichen Palast. Es kostete ihn viel Mut, die nach allen Richtungen geflohenen Schafe wieder zusammenzutreiben. Einige junge Leute, die sich darüber ärgerten, dass der Schäfer vom König so schnell wieder freigelassen worden war, machten sich einen Spaß daraus, die verängstigten Schafe noch weiter zu zerstreuen.

Das Gespött der Leute wurde für den Schäfer so unerträglich, dass er beschloss, niemals wieder in seinem Leben die Unwahrheit zu sagen. Auch die Hauptstadt wollte er nicht mehr betreten; denn dort sah jedermann in ihm nur noch einen Lügner.

Als die Nacht hereinbrach, legte er sich am Fuss der Stadtmauern inmitten seiner Schafe zur Ruhe. Plötzlich wurde er durch lautes Gebell seiner Hunde aus dem Schlaf gerissen. Er rieb sich schlaftrunken die Augen, konnte in der Dunkelheit aber nichts Verdächtiges entdecken.

Da hörte er ganz in der Nähe den Todesschrei eines Lämmchens, und im gleichen Augenblick sah er auch schon einen riesigen Schatten.

"Das ist ein Löwe", schoss es ihm durch den Kopf. "Ich muss sofort Alarm schlagen, sonst zerreisst er meine ganze Herde."

Er rief laut um Hilfe, um die Bewacher der Stadttore auf seine Not aufmerksam zu machen.

Als die in der Nähe wachenden Soldaten die Hilferufe des Schäfers vernahmen, sagte der Hauptmann der Torwache mit verächtlichem Lächeln zu seinen Leuten: "Der alte Narr glaubt wohl, wir würden noch einmal auf seinen Scherz reinzufallen und die ganze Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Wenn er merkt, dass wir seinen Löwengeschichten keinen Glauben mehr schenken, wird er sich bald beruhigen!"

Mit diesen Worten kehrte der Hauptmann in seine Hütte zurück und befahl seinen Soldaten, sich ebenfalls zur Ruhe zu legen.

Am nächsten Morgen wurden die Torwachen von einem der Hunde des Schäfers geweckt. Das Tier gebärdete sich wie toll und versuchte, einen der Soldaten mitzuzerren.

"Der Hund will uns etwas zeigen", sagte schliesslich einer der Wachsoldaten, der als guter Tierkenner bekannt war.

"Wir wollen sehen, wo er uns hinführt."

Drei der Torwachen folgten dem treuen Tier auf die Hochfläche vor der Stadt. Als sie die weit verstreuten Schafe erblickten, sagte einer von ihnen: "Wo ist nur der Schäfer? Er hält doch sonst seine Herde sorgfältig zusammen."

"Er muss dort drüben an der Stadtmauer liegen", meinte ein anderer. "Der Hund läuft auch geradewegs auf die Stelle zu."

Beim Näher kommen bot sich den Männern ein fürchterlicher Anblick. Der Schäfer lag in einer grossn Blutlache und gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Die Soldaten sahen sofort, dass hier ein Löwe gewütet hatte.

"Der König der Tiere hat ihm die Lüge nicht verziehen", dachten die Soldaten und kehrten in die Stadt zurück, um ihrem Herrscher die Nachricht zu überbringen.

Der König entschied, dass man den toten Schäfer an der Stelle beerdigen solle, an der er von dem Löwen zerrissen worden war. Über dem Grab des Toten liess er später einen grossen Stein aufrichten, auf dem das traurige Ende des Lügners für jedermann sichtbar in einem Bild dargestellt wurde.

In dieser Stadt erzählen die Eltern ihren Kindern noch heute die Geschichte vom traurigen Ende des lügnerischen Schäfers als warnendes Beispiel.


Quelle: www.hekaya.de



Warum der Albatros einen durchgebogenen Schnabel hat

(Nigeria, Ibo)

Eines Tages trafen sich auf einem an der Küste stehenden Baum der Albatros und das Chamäleon. Weil das kleine Kriechtier noch nie einen solchen gewaltigen Vogel gesehen hatte, änderte es vor Schreck seine Farbe und versuchte, auf den nächsten Baum zu springen.

"Du brauchst keine Angst zu haben", sagte der Albatros, der vergnügt dem Chamäleon zugeschaut hatte. "Ich tue dir kein Leid an. Ich möchte mich nur ein wenig von meinem Flug ausruhen."

"Wer bist du?" fragte nun das Chamäleon.

"Du kennst den alten Albatros nicht? Nun, ich bin das älteste Tier der Welt und fliege Tage und Nächte lang, ohne mich auszuruhen, über die weiten Meere dahin."

"So, so", murmelte das Chamäleon. "Deine Worte kann ich gar nicht recht glauben. Bis heute habe ich mich nämlich immer für das älteste Tier gehalten."

"Und weshalb?"

"Weil ich schon zu einer Zeit gelebt habe, als die Erde noch mit Wasser überschwemmt war. Um nicht zu ertrinken, musste ich in die höchsten Wipfel der Bäume klettern und mich dort festklammern. Deshalb habe ich noch heute Klammerfüsse und einen Wickelschwanz."

"Da irrst du dich aber gewaltig, mein liebes Chamäleon. Ich habe nämlich schon gelebt, da war die Erde noch ein einziges Flammenmeer. Viele Jahre musste ich mit meinen Eltern über dem brodelnden Hexenkessel, den wir heute Erde nennen, kreisen, ohne ein Plätzchen zu finden, auf dem wir uns niederlassen konnten. Siehst du meinen durchgebogenen Schnabel? Ich will dir erklären, wie es dazu gekommen ist. Während wir über der feurigen Erde schwebten, starb meine Mutter. Und weil wir sie nicht dem alles verzehrenden Feuer preisgeben wollten, legte ich sie mir auf den Schnabel und zog weiter meine Kreise. Als kurze Zeit später auch mein Vater die Augen schloss, wusste ich mir keinen anderen Rat, als ihn zu der toten Mutter auf den Schnabel zu laden. Noch immer glühte die Erde, also musste ich noch viele Jahre mit meiner traurigen Last durch die Lüfte schweben. Als ich endlich meine Eltern zur letzten Ruhe betten konnte, merkte ich, dass sich mein Schnabel im Laufe der Zeit durchgebogen hatte. Glaubst du nun, dass ich das älteste Tier dieser Erde bin?"

Als das Chamäleon den Schnabel des grossen Sturmvogels aufmerksam betrachtet hatte, sagte es mit einer tiefen Verbeugung: "Das Chamäleon verbeugt sich in tiefer Ehrfurcht vor dir. Es weiss jetzt, dass das älteste Tier der mächtige Albatros ist, der noch heute über die weiten Meere dahinsegelt."


Quelle: www.hekaya.de

Märchen aus Westafrika



Die Spinne und die Weisheit

(Ghana)

Kwaku Ananse, das Spinnenmännchen, ärgerte sich schon seit vielen Jahren darüber, dass es unter den Menschen so viele weise Männer gab. Er beschloss deshalb, alle Weisheit zu sammeln und für sich und seine Nachkommen aufzubewahren. Zu diesem Zweck holte er sich aus seinem Hause einen grossen Tonkrug; den gedachte er mit Weisheit anzufüllen.

Viele Jahre zog er durch die Lande und stellte Mensch und Tier die schwierigsten Fragen. Erhielt er eine kluge Antwort, so öffnete er schnell den Deckel seines Kruges und flüsterte sie zum Staunen seiner Zuhörer hinein. Als er endlich glaubte, alle Weisheit dieser Welt gesammelt zu haben, machte er sich auf den weiten Weg in die Heimat.

"Kwaku Ananse ist nun weiser als die Götter", sang er viele Tage lang vor sich hin, bis er endlich die runden Hütten seines Heimatdorfes erblickte. Da er fürchtete, man könnte ihm im Dorf seinen kostbaren Schatz stehlen, beschloss er, ihn zunächst einmal für ein paar Tage im Wald zu verbergen. Nach der ersten Wiedersehensfreude wollte er heimlich seine Familie zu seinem Versteck führen und sie die Weisheit der Welt in sich aufnehmen lassen.

"Wo verberge ich nur meinen Krug", murmelte er vor sich hin und hielt Ausschau nach einem geeigneten Versteck. Lange überlegte er hin und her und entschied sich schliesslich für einen hohen Kazaurabaum, in dessen obersten Ästen er die Weisheit dieser Erde aufhängen wollte.

Er ergriff seinen Krug, band ihn sich mit Schlingpflanzen vor den Bauch und versuchte nun, an dem dicken Stamm empor zu klettern. Weil aber der Krug einen zu grossen Umfang hatte, konnte er mit seinen Armen und Beinen die Rinde des Baumes nicht erreichen.

So mühte sich Kwaku Ananse drei Tage lang vergeblich, die gesammelte Weisheit in die luftige Höhe des alten Kazaurabaumes zu bringen. Schon unzählige Male war er auf den Rücken gefallen und hatte sich dabei die Haut abgerissen, die nun in grossen Fetzen herunterhing. Trotz seiner Schmerzen und trotz seines grossen Hungers kämpfte er verbissen weiter und vergass dabei völlig, dass er für sein Gefäss wohl noch andere sichere Stellen im Wald hätte finden können.

Während er wieder einmal auf dem Rücken lag und hilflos mit den Beinen in der Luft strampelte, kam ein Hase vorbei und beobachtete das Treiben Kwaku Ananses. Als er endlich wieder auf den Füssen stand, versuchte er wohl zum tausendsten Mal, sein Ziel zu erreichen.

Der Hase war ein gutmütiger Kerl, und so beschloss er, dem sich abmühenden Freund zu helfen.

"Guten Abend, Kwaku Ananse", sagte er freundlich. Bei diesen Worten schrak Kwaku Ananse so heftig zusammen, dass er wieder auf den Rücken fiel und mit seinem Krug vor dem Bauch in den Abendhimmel starrte. Der Hase sprang schnell herbei und befreite den armen Kwaku aus seiner hilflosen Lage.

"Was hast du denn in deinem Krug?" fragte er ihn.

"Das kann ich dir nicht verraten", erwiderte Kwaku Ananse. "Wenn ich dir die Wahrheit sage, müssen wir beide auf der Stelle sterben."

"Nun, dann will ich dieses Geheimnis nicht wissen. Ich habe dir eine Zeitlang zugesehen, wie du dich vergeblich abgemüht hast, deinen bauchigen Krug auf den Baum zu bringen. Wäre es nicht einfacher, wenn du dir das Gefäss auf deinen Rücken bändest?"

"Was sagst du da?" schrie Kwaku Ananse. "Ich dachte, ich hätte alle Weisheit dieser Welt in meinem Krug eingefangen, und jetzt sehe ich, dass es immer noch klügere Leute als mich gibt."

Bei diesen Worten riss er sich seine schwere Last vom Bauch und schleuderte sie mit solcher Gewalt an den Kazaurabaum, dass der Krug in tausend Scherben zersprang.

"Nun mag die Weisheit in alle Welt entfleuchen", schimpfte er und stapfte durch das hohe Gras nach Hause.


Quelle: www.hekaya.de



Der Hase im Reich der Tiere des Dschungels

(Guinea)

Es war einmal eine grosse Dürrezeit im Reich  der Tiere des Dschungels. Alle Quellen waren versiegt, alle Bäche und Flüsse trocken. Da versammelten sich die Tiere, um zu beraten, was gegen die Wassernot getan werden könnte. Sie vereinbarten, alle Feindseligkeiten untereinander zu beenden und ein tiefes Wasserloch zu graben, damit sie wieder Wasser hätten.

Auch der Hase lebte im Reich der Tiere des Dschungels. Aber er fand es nicht richtig, dass er bei der schweren Arbeit am Wasserloch mithelfen sollte, denn er war bei weitem nicht so gross und kräftig wie die übrigen Tiere. Als die Tiere erfuhren, dass der Hase nicht mitarbeiten wollte, sagten sie erbarmungslos: "Dann wirst du auch kein Wasser trinken, wenn die Wasserstelle fertig ist."

Da lachte der Hase und antwortete: "Ich trinke Wasser, wann immer ich will, denn ich kann überall genug Wasser finden. Ich bin ja nicht so gross und durstig wie ihr Elefanten, Tiger, und Löwen."

Nach sieben Tagen hatten die Tiere des Dschungels ein tiefes Loch gegraben und waren auf eine Wasserquelle gestossen, die so ergiebig war, dass sich schnell das ganze Wasserloch bis weit über den Rand mit frischem Wasser füllte. Die Tiere freuten sich so sehr, dass sie sogleich beschlossen, ein grosses Fest zu feiern. Nur der Hase sollte nicht mitfeiern dürfen.

Nach ein paar Tagen kam der Hase aus dem Wald hervor und blieb in einiger Entfernung von dem Wasserloch stehen, das jetzt der Lieblingstreff der Tiere war. Er trug eine Trommel, und er trommelte und sang dazu. Das klang so: "Peh-peh, pere-pere peh! Nanima! Tiere sind sich einig geworden eine neue Wasserstelle zu bauen. Nanima! Pere-pere peh! Nanima! Ein Wasserloch wurde gegraben. Pere-pere peh! Nanima! Der Hase hat nicht mitgeholfen! Pere-pere peh! Nanima!"

Den ganzen Tag sang und trommelte er so. Als er dann Durst bekam und in den Wald zurückging, um Wasser zu trinken, fand er nirgendwo Wasser, denn alle Wasserlöcher waren ausgetrocknet. Es war heiss, und der Durst quälte ihn sehr. Die übrigen Tiere dagegen waren gut versorgt, denn an der neuen Wasserstelle hatten sie Wasser im Überfluss. Es war Abend geworden, und der Hase fing wieder mit seiner Musik an und sang: "Peh-peh pere-pere peh! Nanima! Die Tiere sind sich einig geworden ein Wasserloch zu graben. Pere-pere peh! Nanima! Pere-pere peh! Nanima! Der Hase hat nicht mitgeholfen. Pere-pere peh! Nanima!

Er näherte sich ganz langsam der Wasserstelle und sang und trommelte dabei unaufhörlich. Die Tiere, die im frischen Wasser badeten, sahen den Hasen kommen. Seine Musik hatte sie neugierig gemacht, und sie wollten wissen, was für ein Instrument die Trommel wohl wäre.

Schliesslich wurden sie immer neugieriger, denn die Trommelmusik und der Gesang des Hasen gefielen ihnen. Der Hase sang und trommelte ohne Unterlass. Seine Musik war so eingängig, dass die Tiere anfingen zu tanzen und im Chor seinen Gesang wiederholten:

"Die Tiere sind sich einig geworden! Peh-peh pere-pere peh! Nanima! Der Hase hat beim Graben nicht mitgeholfen!

Pere-pere peh! Nanima! Komm näher, mein kleiner Bruder! Komm näher zu uns heran!" Nanima! So sangen die Tiere und tanzten dazu, während der Hase immer fleissiger trommelte, bis in die späte Nacht. Zum Schluss waren die Tiere so begeistert vom Unterhaltungstalent des Hasen, dass sie ihn zum Wächter der Wasserstelle bestimmten. Der Hase aber freute sich sehr, denn es war ihm gelungen, sein Leben zu retten und von allen geachtet und geschätzt  zu werden.


Quelle: www.lernforum.uni-bonn.de/hase.html



Anansi, die kluge Spinne, und die Antilope

(Ghana)

Es war einmal ein Unglückstag, an dem ein Feuer in der Savanne wütete. Sämtliche Tiere liefen hektisch herum. Einige waren bereits vom Feuer eingekreist, der Tod schien ihnen gewiss. Eine Antilope, die beinahe jede Hoffnung verloren hatte, einen Fluchtweg zu finden, vernahm plötzlich eine leise Stimme: "Lasse mich bitte in Deinem Ohr sitzen, damit wir gemeinsam von hier fliehen können". Es war die Stimme von Anansi, der Spinne, die nicht erst abwartete, dass die Antilope sie aufforderte, sondern sogleich von dem Zweig ins Ohr der Antilope hüpfte. Jedoch hatte die Antilope keine Ahnung, welchen Weg sie wählen sollte, doch Anansi kannte ihn.

Das Feuer schien übermächtig, doch die Spinne leitete die Antilope zuversichtlich an: "Jetzt nach links, jetzt gerade und dann direkt...." bis die Antilope mit schnellen Beinen über Bäche, Flüsse und Sümpfe sich und die Spinne Anansi in Sicherheit gebracht hatte.

Als sie das Feuer weit hinter sich gelassen hatten, lief die Spinne am Bein der Antilope entlang auf den Boden und sagte: "Vielen Dank für Deine Freundlichkeit. Wir werden uns eines Tages wiedersehen."

Kurz darauf brachte die Antilope ein Junges zur Welt, dass sich zum Schutz in den ersten Lebenswochen zumeist im dichten Gebüsch verbarg, während die Mutter auf der Weide graste.

Später sah man Muter und Kind beide grasen. Es begab sich an einem Unglückstag, zwei Jäger kamen und die Antilopenmutter erblickten. Während sich das Junge im Gebüsch zusammenkauerte, sprang die Antilopenmutter hoch, um die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich zu ziehen. Dann verschwand sie und blieb ausserhalb der Reichweite der Jagdpfeile.

Nach einer Stunde gaben die Jäger die Verfolgung auf und wollten nun zur jungen Antilope zurück. Aber ihre Suche war vergeblich und sie mussten letztlich den Wald mit leeren Händen verlassen. Lange Zeit später kehrte auch die Mutter zurück; doch auch sie konnte ihr Junges nicht finden. Nach dem sie beinahe eine Ewigkeit gesucht hatte, vernahm sie ein ihr sehr vertraute Stimme, die nach ihr rief. Es war die Spinne Anansi, die sie in ein Dickicht führte, welches von einem dichten Spinnennetz umhüllt war. Und darunter lag fast unsichtbar und völlig geborgen die kleine Antilope. Anansi war fleissig beschäftigt gewesen, das Gebüsch, in dem sich das Junge verstickt hielt, mit einem Spinnennetz zu umweben, so dass die Jäger es übersehen hatten.


Quelle: akua.myblog.de



Vom Drachen Bida, dem König Dinga, dem Prinz Lagarre und den Geheimnissen der Königswürde

(Burkina Faso, Niger und Mali)

Als König Dinga im Sterbebett lag, liess er seinen ältesten Sohn rufen, um ihm das Geheimnis der Königswürde anzuvertrauen. Doch dieser war faul, zu unverschämt und zu stolz, sich zu bewegen. Also liess Dinga seinen nächstgeborenen Sohn rufen, und auch den übernächsten.

Erst der jüngste Sohn, Prinz Lagarre sorgte sich um seinen sterbenden Vater, und so erhielt er das Königreich, da er erschienen war, die letzten Worte des Königs zu hören, bevor dieser starb: "Finde die neun Krüge mit Wasser, auf das der, der sich damit wäscht, ein reicher König wird und ihm Gehorsam widerfahre. Dann finde die königliche Trommel Tabele und schlage sie in der nördlichen Wüste."

Der junge Prinz Lagarre machte sich auf den Weg und traf den Geier. Mit ihm folg er in den Himmel und holte die königlich Trommel Tabele. Als Lagarre die Trommel in der Wüste schlug, beobachtete er, wie plötzlich aus dem Sand eine Stadt mit Kuppeln und Dattelpalmen zum Vorschein kam. Aber der Drache Bida, der mit seinem langen Körper die Stadt umschloss und so den Zugang versperrte, verlangte von Lagarre ein Versprechen: "Willst du Zugang zur Stadt, so musst Du mir jedes Jahr ein Mädchen opfern." Lagarre willigte ein und ritt in die alte Stadt Wagadoo, die Gott einen gerechten Prinzen als ihren König offenbart hatte.

Jedes Jahr erfüllte König Lagarre sein Versprechen und den Familien befahl, Lose zu ziehen, welche darüber entschieden, wessen Tochter dem Drachen Bida geopfert werden würde. Als Gegenleistung flog der Drache einmal im Jahr über die Stadt und spie pures Gold auf sie, so dass die Strassen damit angefüllt waren. Nachdem Lagarre gestorben war, herrschten drei Generationen von Königen friedlich über Wagadoo. Es begab sich, dass eines Tages, als das Mädchen dem Drachen geopfert werden sollte, dieses als Braut gekleidet am Strand erschien, um von Bida verschlungen zu werden. Der Drache tauchte aus seinem See in der Nähe des Niger auf. Doch plötzlich erschien der Geliebte des Mädchens, "Mamadi Sefe Dekote", "Mamadi mit dem leisen Schwert". Er trat mutig hervor und stiess sein Schwert durch den Hals des Drachens. Bidas Kopf flog zur Goldküste, wo seit diesen Tagen Gold in Hülle und Fülle vorhanden ist.


Quelle: Sabine Esselen-Conde



Das hochmütige Mädchen

(Nigeria, Igbo)

Effiong Edem lebte in Cobham. Er hatte eine schöne Tochter namens Afiong. Alle jungen Männer des Landes wollten sie wegen ihrer Schönheit heiraten, aber sie schlug alle Bewerber aus, denn sie war sehr hochmütig. Sie sagte, sie wolle nur den schönsten Mann des Landes heiraten, einen, der jung und stark sei und sie richtig lieben könne.

An den Markttagen ging das Mädchen auf alle Märkte und sah sich die Männer an. Sie fand keinen, der ihr gefiel. Sie ging auf jeden Markt. Sie sah sich überall um. Kein Mann gefiel ihr. Aber sie ging an jedem Markttag zum Markt. Alle fünf Tage ging sie zum Markt. Sie hatte zwar nichts zu verkaufen, aber sie ging. Sie kaufte nichts, aber sie ging trotzdem. Sie ging, um einen Mann zu finden, der ihr gefiel, damit sie ihn heiraten könnte.

Der Schädel aus dem Geisterreich hörte von dem schönen Mädchen und wollte es haben. Er ging zu seinen Freunden und lieh sich verschiedene Körperteile, von allem das Beste. Vom einen bekam er einen schönen Kopf, ein anderer lieh ihm einen Körper, ein dritter starke Arme, ein vierter ein gutes Paar Beine. Zum Schluss war er komplett und ein vollkommenes Exemplar an Männlichkeit. Er verliess das Geisterreich und ging auf den Markt von Cobham.

Afiong hörte von dem schönen Mann auf dem Markt und dass er schöner war als alle anderen. Sogleich ging sie auf den Markt und sah den Schädel in seiner geliehenen Pracht. Sie verliebte sich in ihn und lud ihn in ihr Haus. Der Schädel freute sich und ging mit.

Afiong stellte ihn ihren Eltern vor, und er bat sie um die Hand ihrer Tochter. Die wurde ihm zuerst verweigert, denn sie wollten nicht, dass ihre Tochter einen Fremden heiratete, aber dann willigten sie ein.

Er wohnte mit Afiong zwei Tage im Haus ihrer Eltern und sagte dann, er wolle mit seiner Frau zurück in sein Land, das sehr weit weg sei. Das Mädchen war einverstanden, weil er so schön war. Die Eltern versuchten sie zu überreden, dazubleiben, aber sie war starrköpfig, und sie zogen zusammen fort.

Nach ein paar Tagen befragte der Vater einen Priester. Der warf das Orakel und fand heraus, dass der Schwiegersohn dem Geisterreich angehörte und das Mädchen sicherlich umbringen würde. Sie wurde als tot betrauert.

Afiong und der Schädel überschritten nach ein paar Tagen Wanderung die Grenze zwischen dem Geister- und dem Menschenreich.

Kaum hatten sie den Fuss ins Geisterreich gesetzt, kam ein Mann und forderte seine Beine zurück, dann ein anderer seinen Kopf, der nächste seinen Körper und immer so weiter, bis schliesslich der Schädel in seiner ganzen natürlichen Hässlichkeit übrig blieb. Das Mädchen erschrak und wollte umkehren, aber der Schädel erlaubte es nicht und befahl ihr, weiterzugehen.

Im Haus des Schädels lernte Afiong dessen Mutter kennen, eine uralte Frau, die nicht mehr arbeiten und nur noch herumkriechen konnte. Afiong tat für sie, was sie konnte. Sie kochte das Essen und brachte ihr Wasser und Feuerholz. Die alte Frau war dankbar und schloss sie bald ins Herz. Eines Tages erzählte sie Afiong, sie habe Mitleid mit ihr, denn alle Leute im Geisterreich seien Menschenfresser, und wenn sie hörten, dass ein Mensch im Lande sei, würden sie ihn töten und auffressen.

Die Mutter des Schädels versteckte Afiong und versprach ihr, sie so bald wie möglich in ihr Land zurückzuschicken, weil sie ihr geholfen hatte. Von nun an sollte sie ihren Eltern gehorchen. Afiong war gern dazu bereit.

Die alte Frau liess dann die Spinne holen, die ein guter Frisör war, und liess Afiongs Haare nach der neuesten Mode frisieren. Sie schenkte ihr Fussspangen und andere Dinge. Dann zauberte sie und rief die Winde, die Afiong nach Hause tragen sollten.

Als erster kam der Wirbelsturm mit Donner, Blitz und Regen, aber die Mutter des Schädels schickte ihn als ungeeignet fort. Dann kam eine sanfte Brise, und der befahl sie, Afiong zum Haus ihrer Mutter zu tragen. Sie verabschiedete sich. Die Brise setzte Afiong vor ihrer Tür ab.

Als die Eltern ihre Tochter wieder sahen, waren sie sehr glücklich, denn sie hatten sie für verloren gehalten. Ihr Vater breitete von ihr bis zum Haus weiche Tierfelle auf dem Boden aus, damit sie ihre Füsse nicht beschmutzte. Afiong ging ins Haus, und ihr Vater rief ihre Freundinnen zusammen, und sie tanzten und feierten acht Tage und Nächte lang.

Als das Fest vorüber war, berichtete der Vater dem Stadtfürsten, was geschehen war. Der Stadtfürst erliess daraufhin ein Gesetz, nach dem Eltern ihren Töchtern nicht erlauben sollten, Fremde aus einem anderen Land zu heiraten. Dann gebot der Vater seiner Tochter, einen seiner Freunde zu heiraten, und das tat sie nun bereitwillig und lebte viele Jahre mit ihm und hatte viele Kinder.


Quelle: www.hekaya.de



Der gefrässge Kürbis

(Nigeria, Hausa)

Diese Geschichte handelt von einem Kürbis und einem Mädchen. Es war einmal ein reicher Mann namens Alabarma. Er hatte viel Geld, aber keine Kinder. Eine seiner Nebenfrauen namens Watapansa hatte indes eine Tochter, und Alabarma wollte, dass ihr kein Leid geschehe. Das Mädchen hiess Furaira.

Eines Tages nahm ihre Mutter sie auf den Rücken und ging mit ihr in den Busch, um ihre Notdurft zu verrichten. Furaira entdeckte einen kleinen Kürbis, den einzigen, den der Mutterkürbis hatte, und sagte: "Watapansa, pflücke mir den kleinen Kürbis." Aber Watapansa sagte: "Was soll denn das, Furaira, ein einziger kleiner Kürbis. Schau, da ist der Mutterkürbis, den pflücke ich dir." Aber Furaira begann zu weinen, und ihre Mutter sagte: "Wenn du unbedingt weinen willst, weine halt. Ich pflücke dir den Kürbis jedenfalls nicht."

Sie kehrten heim, und das kleine Mädchen weinte immer noch. Ihr Vater fragte sie nach dem Grund, und ihre Mutter berichtete die ganze Geschichte.

Der Vater sagte: "Geh zurück und pflück ihr den Kürbis." Die Mutter kehrte zurück, pflückte den kleinen Kürbis und gab ihn ihr.

Von diesem Tag an lief der Kürbis dem Mädchen hinterdrein und sagte ständig: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen." Da kamen alle angelaufen, überzeugten sich und sagten: "Seht Furaira, der Kürbis folgt ihr überallhin und verlangt Fleisch zu fressen."

Alabarma sagte: "Bringt ihn zu den Ziegen." Der Kürbis wurde zu den Ziegen gebracht. Er frass sie alle auf. Er wurde zu anderen Ziegen gebracht. Auch die frass er auf. Und er frass weiter, bis er dreihundertfünfzig Ziegenherden verschlungen hatte. Aber dann kam der Kürbis zurück und sagte: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen."

Sie berichteten es ihrem Vater, und der sagte: "Bringt ihn zur Schafherde." Er wurde zu den Schafen gebracht und verschlang eine Herde von siebenhundert Schafen. Dann kam er zurück, folgte dem Mädchen wieder überall nach und sagte: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen."

Und die Leute sagten: "Er hat die Schafherde aufgefressen, ist zurückgekommen und läuft wieder dem Mädchen nach." Ihr Vater sagte: "Bringt ihn zu den Rindern." Man brachte ihn zu den Rindern. Er frass die ganze Herde auf. Dann kam er zurück, lief dem Mädchen wieder nach und sagte: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen."

Sie berichteten es ihrem Vater, und der sagte wieder: "Bringt ihn zu den Kamelen." Man brachte ihn zu den Kamelen. Er frass alle auf, kehrte zurück, lief wieder dem Mädchen nach und sagte: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen."

Und sie sagten: "Zu den Sklavenquartieren mit ihm." Man brachte ihn in die Sklavenquartiere. Er frass alle Sklaven auf, kehrte zurück und lief dem Mädchen wieder nach und sagte: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen."

Ihr Vater sagte: "Bringt ihn auf die Weide." Sie brachten ihn auf die Weide, und er frass alle Leute auf, die dort waren, kam zurück und sagte: "Fleisch muss ich fressen, Furaira, Fleisch muss ich fressen." Und er frass weiter, bis er alles aufgefressen hatte, Menschen, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Kamele, Pferde, alles frass er, sogar Hühner und Perlhühner, Enten, Tauben, alles. Übrig blieb nur der Hausherr.

Der Kürbis lief wieder dem Mädchen nach. Es floh zu seinem Vater, und der Vater sagte: "Ausser mir gibt es nichts mehr. Wenn du mit mir vorlieb nehmen willst, so friss mich." Und der kleine Kürbis packte und verschluckte ihn. Dann lief er dem Mädchen wieder nach.

Furaira floh zum Opferwidder ihres Vaters. Der Kürbis rollte immer näher, und wie er das Mädchen packen wollte, sprang der Opferwidder herzu und packte den Kürbis mit seinem Hörn. Da platzte er, und heraus kamen sie alle, Schafe, Ziegen und das Vieh. Das war's. Ab mit dem Rattenkopf.


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Der Jäger und seine getreuen Hunde

(Liberia, Dan)

Dea war ein berühmter Bogenschütze. Er jagte auch mit Hunden. Seine Hunde hiessen To (Korb), Donea (Sonnenuntergang), Pengo (Kolabaumkäfer) und Banwia, was soviel wie "du kannst nicht zustimmen" bedeutet.

Dea jagte am liebsten Affen. Und er kam nie von einer Jagd zurück, ohne einen Affen erbeutet zu haben. Eines Tages sah er eine Diana-Meerkatze. Er sah sie in einem Babaum sitzen. Da schoss er hoch hinauf in die Krone des Baumes und traf den Affen. Aber der Affe fiel nicht herunter.

Ein anderer Baum heisst Kro. Dieser lebt auf anderen Bäumen. Wo nun Dea stand, war solch eine Kroliane, und ihre Wurzeln umspannten die des Babaumes. Da der Affe nicht herunterfiel, stieg Dea an der Krowurzel hinauf. Er stieg so lange, bis er dorthin kam, wo die Affen sassen. Er ergriff zwei und warf sie auf den Boden. Er wollte noch einen weiteren Affen greifen, er hatte ihn mit seinen Pfeilen schon getroffen, aber der hatte sich fest in der Kroliane eingekrallt. Der Affe war noch nicht völlig tot. Als Dea den alten Affen herunterschleudern wollte, liess er die Wurzel einfach nicht los. Da nahm Dea sein Buschmesser und wollte den Affen töten. Er traf ihn aber nicht, sondern schlug daneben und zerriss die Liane, an der er heraufgeklettert war. Die Kroliane fiel herab.

Dea sass oben auf dem Baum, und es gab keinen Weg für ihn, auf dem er hätte herunterkommen können. Er sass lange da oben. Seine Hunde warteten unten auf ihn. Dann schlief Dea oben ein.

Am anderen Morgen rief To, der grösste der Hunde, die anderen zusammen und sagte: "Lasst uns eine Unterredung führen. Wir müssen feststellen, wie wir unserem Herrn helfen können und ihn herunterbekommen." "Wie kann aber ein Mensch dort im Baum verstehen", meinten die anderen, "was wir hier am Boden beredet haben?" Es war Mittagszeit geworden, bevor sie aufhörten, sich zu besprechen.

Da rief To Dea zweimal an. To stand unterm Baum, und Dea fragte: "Wer ruft mich denn?" To sagte: "To ruft dich. Ich habe dich gerufen. Du hast geantwortet. Wir werden dir helfen, und dann wirst du die Möglichkeit haben, alle Lebewesen zu verstehen, die Gott für diese Erde gemacht hat." Der Hund sprach weiter: "Aber wenn du ins Dorf kommst, darfst du dein Geheimnis nicht enthüllen. Wenn du es verrätst, wirst du zur Strafe sterben." Dea sagte: "Hilf mir. Ich werde das Geheimnis nie verraten."

Daraufhin sammelten die Hunde Blätter und Zweige. Sie sammelten so viele, dass der halbe Babaum davon bedeckt war. Dann sagten die Hunde: "Lass dich fallen, du fällst nur in die Blätter, die wir für dich gesammelt haben." Dea aber meinte: "Ihr Hunde habt mich zum besten. Wenn ich herunter springe, sterbe ich." Aber schliesslich überredeten ihn die Hunde doch. Dann legte Dea seine Hände vors Gesicht und sprang.

Er kam sicher und wohlbehalten unten an. Sobald er losgesprungen war, verstand er die Geräusche aller Lebewesen. Alles Vieh im Dorf zum Beispiel verstand er. Als er ins Dorf zurückgekommen war, verstand er alle, die Kühe und Schafe, die Schmetterlinge und kleinen Käfer. Jedes Tier verstand er.

Damals starb seines Freundes Vater, und Dea ging hin, und da er alle Lebewesen verstand, hörte er, was die Fliege sagte: "Ich grüsse euch, Hunde! Wir haben Glück, dass wir einen solch grossen Leichnam bekommen, auf dem wir uns vergnügen können." Als sie das sagte, lachte Dea laut auf. Aber schon sprach das Schaf zur Ziege: "Warum lacht denn Dea wohl? Menschen müssten doch jetzt traurig sein." Da musste Dea über das gescheite Schaf noch mehr lachen, so dass die Familie seines Freundes sagte: "Dea hat sicher den Alten getötet, sonst würde er nicht dauernd lachen." Die Familie kam zusammen, fing Dea ein und sagte, er sei ein Mörder.

Als er angeklagt war, kam auch seine eigene Familie, und man brachte ihn an einen geheimen Ort, um ihn allein zu sprechen. Sie fragten ihn: "Dea, warum hast du gelacht?" Und seine Eltern sagten: "Wenn du den Alten wirklich nicht umgebracht hast, warum hast du dann aber gelacht?" Dea sagte: "Leider kann ich euch das nicht erklären."

Dann wollten sie ihn einem Ordal aus Sassholzrinde unterwerfen. Man nahm Sassholzrinde, stampfte sie, und er sollte den Trank schlucken. Dea sagte: "Es ist gar nicht nötig, Sassholz zu trinken. Wenn ich euch nämlich das Geheimnis erzähle, seht ihr mich sowieso nicht mehr am Leben."

Das Gift war daran schuld, dass er so sprach. Lieber wollte er sein Geheimnis enthüllen und daran sterben. Als Deas Leute das hörten, erschraken sie sehr und gaben der Familie des Verstorbenen viel Geld. Aber die weigerte sich, Geld zu nehmen. Sie sagte: "Wir wollen, dass Dea Sassholz trinkt."

Dea rief seine Familie zusammen und sagte: "Ich muss jetzt leider das Geheimnis enthüllen, das zwischen mir und den Lebewesen ist. Aber danach werde ich sterben." Dann erzählte Dea die Geschichte von den Hunden und schloss: "Das hat mich nun doch mein Leben gekostet. Als ich in das Haus meines Freundes kam, brachte mich die Fliege zum Lachen - nicht der Tote." Kaum hatte Dea zu sprechen aufgehört, kamen seine Jagdhunde und riefen: "Oh, Dea, durftest du das tun?" Da sagte Dea: "Ich war ja gezwungen zu reden."

Das waren seine letzten Worte. Er starb auf der Stelle. Seitdem hat Deas Familie das Jagen aufgegeben.


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Zwei Spitzbuben

(Mali, Bambara)

Ein Fremder stieg bei einem Gastwirt ab. Der Gastwirt sagte zu ihm: "Pass gut auf dich auf. In diesem Dorf hier können die Diebe einem Mann die Kleider ausziehen, ohne dass er es merkt." Der Fremde antwortete: "Hab keine Angst, mir kann man nichts stehlen."

Während dieses Gesprächs standen zwei Diebe hinter der Mauer und lauschten. Während der Nacht schlief der Fremde neben seinem Esel, damit er nicht gestohlen würde. Die beiden Diebe beschlossen, ihn seiner Kleider zu berauben, wenn er noch gar nicht eingeschlafen war. Sie gingen in seine Nähe.

Der eine sagte: "Wir wollen unseren Schatz hier verstecken."

Der andere sagte: "Bist du verrückt? Siehst du denn nicht den schlafenden Mann da drüben? Wenn wir unseren Schatz hier verstecken, stiehlt er ihn uns doch."

Der erste sagte: "Der schläft doch fest."

Der andere sagte: "Nein, er schläft nicht."

Der erste sagte: "Also, wenn du meinst, ziehen wir ihn eben aus. Dann stellt sich heraus, ob er schläft. Schläft er, verstecken wir in Ruhe unseren Schatz."

Der andere sagte: "Du hast recht."

Sie zogen den Fremden aus bis auf die Haut, gruben dann ein Loch, füllten es mit Scheisse, deckten es wieder zu und gingen mit den Kleidern des Fremden fort.

Der Fremde erhob sich und buddelte das Loch auf, um den Schatz zu heben. Da tauchte seine Hand in den Scheisshaufen, und er sagte: "Ja, ja, mein Wirt hatte schon recht."


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